Klinikgarten
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Seitentext:

Außenanlagen, Gartengestaltung

Der Garten Holthausen. Klinik Holthausen Hattingen.

von Andreas Niepel, 2000

Inhalt

(Herausgeber)

Im Jahr 1992 entstand in Hattingen, am Rande des Ruhrgebietes eine neue Klinik für neurochirurgische Rehabilitation. Im Zuge des Baus und der Entwicklung dieser Klinik wurde auch von vorne herein der Garten in das Konzept miteinbezogen.
Hier sollte ein Außengelände erstellt werden, daß sich einerseits an den Bedürfnissen, den Beeinträchtigungen, aber auch den verbliebenen Potentialen der zu erwartenden Patienten orientiert. Aber es sollte andererseits ebenso ein nach ästhetischen Prinzipien gestalteter Landschaftsgarten entstehen.
Daher stand die Gestaltung von Beginn an auf zwei Pfeilern: Jenem zuletzt genannten gestalterischem Grundsatz, der Gartengestaltung durchaus als Gartenbaukunst versteht. Aber natürlich kann Gartenarchitektur, gerade in dieser Größenordnung nicht als reine Kunstform und losgelöst vom Zweck des Bauwerkes sein. Die Funktion, der Nutzen eines derartigen Gartens, ob im öffentlichem Raum, oder wie hier als Teil einer Klinik, muß sich in der Umsetzung wiederfinden.
Zunächst soll dieser, an der Funktion einer Klinik orientierte Ansatz, erläutert werden.
1. Der Sinn des Klinikgartens
Zentraler Punkt der Gestaltung des Gartens Holthausen ist der Patient. Er steht im Mittelpunkt aller Überlegungen. Und es war vom Beginn der Planungen an klar, daß eine sinnvolle praktische Umsetzung dieser Erkenntnis erst möglich ist , durch die Hilfe derer, die die Patienten am Besten kennen, die Ärzte, Pflegenden und Therapeuten innerhalb der Klinik.
Das vorhandene Wissen nutzen
Die Arten und Auswirkungen von Erkrankungen sind ebenso vielfältig und individuell wie der Mensch .Und "so unterschiedlich sie sich äußern, so komplex und verflochten sind auch die" Ansätze diese zu behandeln. Dieses vielschichtige Wissen, vertreten durch die Vielfalt der einzelnen Bereiche und Mitarbeiter, sollte auch für die Ausrichtung des Außengeländes genutzt werden.
Die Außengehschule der Klinik, so wie sie sich mittlerweile darstellt, ist beispielsweise nicht denkbar ohne die praktische Mitarbeit der Krankengymnastik; der Spielbereich kann sinnvollerweise nur im Austausch, mit den im Kinderhaus tätigen Mitarbeitern, entstehen.
Ebenso erwuchsen aus dieser Zusammenarbeit zwischen Gärtner und Therapeut eine Reihe von grundsätzlichen Zielvorgaben für den entstehenden Garten:
Ruheräume und Orte der Kommunikation schaffen
Krankheit ist immer eine Streßsituation, für den Geist, wie für den Körper, für den Patienten wie auch für diejenigen, welche ihn betreuen. Therapie, der Wille zu heilen, mit ihrer oft anstrengenden Methodik, ja und auch mit ihrem vielleicht ungewissen Ausgang, ist ein weiterer Streßfaktor. Da Streß aber dem Behandlungsziel entgegensteht, gilt es einen Ausgleich zu schaffen.
Es muß Plätze der Ruhe und der Abgeschiedenheit geben. Diese Plätze sollten so geschaffen werden, daß sowohl ein Gefühl einer Abgeschiedenheit ermöglicht wird, wie aber auch mittels Sichtachsen die Verbindung zu anderen Sitzbereichen geschaffen werden sollte. Denn so erreicht der Planer gleichzeitig das angestrebte Gefühl der Gruppenzugehörigkeit .
Nach dem Gestaltungsziel "Entspannung" ist im Garten der Klinik Holthausen ein eigener Bereich erstellt worden, der auch intern als Ruhegarten bezeichnet wird.
Aufgrund seiner besonderen Beschaffenheit und Gestaltung, mittels kreisförmiger Wege und hoher Hecken, die dafür sorgen, daß dieser Bereich von keinem Punkt aus komplett zu übersehen ist, durch die Konzentration auf ruhige Farben, sowie durch die Schaffung eigener kleiner Gartenräume, ist er trotz starker Frequentierung für einen persönlichen Rückzug ebenso geeignet, wie auch für geselliges Zusammensein. Denn zum Aspekt der Entspannung gehört neben der Ruhe und der Abgeschiedenheit ebenso das Zusammenkommen, die Kommunikation. Erwähnenswert sind dabei die Anlage von Spielsituationen wie der Schachecke, dem "Mensch ärgere dich nicht Feld" oder der Bocciabahn, ebenso wie beispielsweise die Einrichtung eines Außencafes als ein Ort der Begegnung.
Den Patienten aktivieren
In einer Klinik gehen viele hundert Menschen ein und aus im Laufe eines Jahres. Ihre Möglichkeiten und ihre Neigungen sind unterschiedlichster Art. Manche kommen im Winter, manche im Sommer, andere wieder erleben selbst den Wandel der Jahreszeiten. All diese Menschen sollen immer wieder in den Garten "gelockt" werden, sei es für den Spaziergang oder die Spazierfahrt mit dem Rollstuhl.
Dafür muß beachtet werden, daß die erste und auch eine der Hauptsichtrichtungen in einem Klinikgarten, anders als bei anderen Gärten, jene von oben ist : Der Blick aus dem Patientenzimmer. An der Klinik Holthausen ist dieser Gedanke überall wiederzufinden. Sei es bei Pflastermustern, wie der Weltkugel im Bereich der Gehschule, bei den "versteckten" Elefanten rund um das Kinderhaus oder bei der allgemeinen Formenspielerei.
Wenn der Patient den Garten dauerhaft nutzen soll, so muß der Garten in der Art und Weise gestaltet sein, daß er immer wieder "lockt". Dafür aber muß ein Garten interessant und aufregend sein, er muß bei genauerem Hinsehen immer wieder Neues bieten, Geheimnisse enthüllen. Mit verschiedenen Möglichkeiten läßt sich diese Aktivierung dabei unterstützen. So entstand die Idee der Anlage von Themenwegen, die ein Entlangwandern erfordern.
Daher gibt es an der Klinik Holthausen einen Jahresweg, mit den für jeden Monat typischen Blühern. Weiter gibt es, konzipiert als ein Gartenerlebnis, den Planetenweg. Dieses ist ein Weg an dessen Verlauf man im Maßstab von 1 : 10 Milliarden unser Sonnensystem durchwandern kann. Er beginnt bei der in diesem Maßstab 14 cm großen Sonne. Der tatsächlich 58 Millionen Kilometer von der Sonne entfernte Merkur erscheint also nach maßstäblichen fünf Metern und achtzig Zentimetern. Die Tatsache, daß die Abstände zwischen den Planeten zunehmend größer werden und sich so dem Patienten immer neue und höhere Ziele stellen, wird dabei genutzt. Dabei werden die Planeten, denen der Patient auf seiner Wanderung durch den Garten begegnet, von Bäumen begleitet, die in einer symbolischen Beziehung zu diesen stehen.
Ein weiterer wichtiger Punkt zum Thema der Aktivierung ist das spielerische Element, speziell bei einer Klinik, wie der der Klinik Holthausen, an der ein eigenes Kinder- und Jugendhaus existiert.
Dabei ist die Ausgangssituation vor allem durch die unterschiedlichsten und zum Teil schwersten Beeinträchtigungen der Kinder geprägt. Spielmöglichkeiten, sowohl für das erkrankte Kind zu bieten, wie aber auch beispielsweise für die besuchenden Geschwister - bei möglichst gleicher Spielchance- ist eine Schwierigkeit aber auch eine Herausforderung.
Dabei entschieden sich die Gärtner und Therapeuten weniger für das Aufstellen entsprechender Spielgeräte oder Hilfsmittel, als für eine entsprechende Landschaftsgestaltung, die das Ausdenken immer neuer Spiele ermöglicht: Bäume, hinter denen man sich verstecken kann. Erdhöhlen, Spielhügel oder kleine Bachläufe. Sie sind oft wesentlich nützlicher als die eigentlichen Spielgeräte. Selbst bei den verwendeten Spielgeräten und Hilfsmitteln fiel die Wahl meist auf sehr einfache und teilweise selbst entwickelte Hilfen. Hier zeigte sich einmal mehr, wie sinnvoll es ist, die verschiedensten Abteilungen einer Einrichtung in die Planung frühzeitig miteinzubeziehen.
Ein Übungsgelände schaffen
Der Garten einer Klinik bietet die verschiedensten Trainingssituationen Dieses geht vom Wahrnehmungstrainig über die räumliche Orientierung bis zu Rollstuhlübungsfahrten. Somit entsteht bei einer durchdachten Planung einer Therapieraum unter freiem Himmel.
Aus diesem Grunde existieren am Garten der Klinik viele Gegebenheiten wie Bordsteinkanten, Belägeübergänge oder Geländeniveauunterschiede auf die der Patient auch nach seinem Aufenthalt trifft. Auch Gefällstrecken werden nicht grundsätzlich vermieden, als vielmehr bewußt eingeplant.
Ganz besonders konzentriert zeigt sich der Übungscharakter des Gartens im Bereich der Gehschule der Klinik Holthausen. Hier bieten sich dem Patienten und Therapeuten die verschiedensten Wegebeläge vom Sand, Kies, Rasen, Mulch oder Asphalt zu den unterschiedlichsten Pflasterarten. Es befinden sich hier diverse Treppen, wie auch speziell eigenentwickelte Übungselemente. Ebenso sind hier bewußt verschiedene Steigungen eingeplant.
Einen Therapieraum bieten
Auch im aktivem Gärtnern liegen vielfältige therapeutische Möglichkeiten. Ein weiteres Ergebnis der Zusammenarbeit von Gärtnern und Therapeuten ist es, daß diese Möglichkeiten früh erkannt wurden. In verschiedenen Gruppenangeboten ,sowie in Einzeltherapien wird dieses Potential genutzt. Dieses geschieht individuell auf den Patienten zugeschnitten sowohl innerhalb des Konzeptes der ergotherapeutischen Abteilung, wie auch im Rahmen der Heilpädagogik. Für diese Zwecke wurde ein Gewächshaus errichtet, in dem man nun regelmäßig Patienten bei der Gartenarbeit antrifft.
Die Sinne reizen
Der Garten einer Klinik kann dem Patienten jene natürlichen Reize bieten, auf die er im Krankenzimmer oft verzichten muß.  Er hat seine vielfältig geformten Oberflächen, seine Gerüche und Geschmäcker, seine Farben und Formen. Es gibt die unterschiedlichsten Materialien, ja selbst Geräusche, denkt man an das Rascheln von Espenlaub oder das Gluckern des Wassers.
Ein daraus folgender Aspekt ist der, das Tastempfinden zu unterstützen, zum Beispiel durch das Verwenden unterschiedlich berindeter Hölzer. Ein weiteres Beispiel wäre auch der Klang. Das es an der Klinik Holthausen allerdings noch keinen klingenden Garten gibt, liegt einfach daran, daß im Austausch mit den Therapeuten keine tatsächliche praktische Nutzung eines solchen Bereiches aufgezeichnet werden konnte.
Bereits deutlich integrierte Punkte sind dagegen der Geschmack und der Geruch. Diese finden sich wieder im besonders stark frequentiertem Gewürzbeet, wie auch im Duftbereich an der Südseite der Klinik.
2. Die Gestaltung des Klinkgartens
Aber es sind im Grunde nicht speziell diese konzentrierten Einzelwahrnehmungen die das "Erlebnisfeld Garten" ausmachen, als die Gesamtwahrnehmung der Außenwelt, die sich stark von der innerhalb der Klinik unterscheidet. In der Beziehung zur Größe von Bäumen, der Weite der Landschaft, dem Wind und der Sonne auf der Haut, dem sprichwörtlichen "Boden unter den Füßen" empfindet der Mensch seine Existenz.
Gerade Gärten,die gestaltete Natur, bieten Möglichkeiten dieses Empfinden zu unterstützen.
Daher soll bei aller Zweckorientierung nicht die gärtnerische Gestaltung  vernachlässigt werden. Sinnvolles und Zweckgebundenes muß nicht zwangsläufig unscheinbar und ohne ästhetischen Reiz sein.
Ästhetik, Formgefühl, Farbharmonie, Ausgewogenheit zu erkennen und zu schätzen sind maßgebliche Fähigkeiten des Menschen. Neben dem notwendigem Planungsgrundsatz einer funktionellen Anbindung des Parkes an die Belange der Therapie, sollte wie anfangs erwähnt der Gestalter nicht die Möglichkeiten beiseite lassen, die sich aus der Tradition des Gärtnerns und der Gartenbaukunst ergeben. Er sollte vornehmlich Gärtner, nicht Medizintechniker sein.
Einen Garten gestalten. "Ich fühle mich sehr einsam, aber der Garten ist ein großer Trostberg". Dieses war wohl eines der schönsten Komplimente der letzten Jahre, die ein Patient über den Garten Holthausen aussprach. Gartengestaltung bedeutet mehr als das reine Füllen eines Areals mit Pflanzen. Menschen haben sich seit dem sie seßhaft wurden, Gärten angelegt. Sie haben sich ihre eigene Natur, ihre Vorstellung eines Garten Eden geschaffen. Im Ansatz ,einen Garten für Patienten zu schaffen ist es wichtig zu sehen, daß sich niemand primär über seine Krankheit definiert. Der Mensch bleibt Mensch und wird nicht zu einem personifiziertem Krankheitsbild. Es gibt keine spezielle "patientenspezifische" Vorstellungen vom Garten, als einem aus Menschenhand erschaffenem Paradies.
Diese Vorstellungen spiegeln sich in Bildern von knorrigen schattenspendenden Bäumen, Bildern eines feuchten Wasserlaufes, begrenzt mit von Moos bewachsenen Steinen, es sind Vorstellungen von Waldlichtungen, in denen wie Gischt auf der See Morgentau und weißes Wiesenschaumkraut funkeln. Solche Welten wollen wir Gärtner erschaffen.
Und noch eine Aufgabe ergibt sich für den Gartenplaner: Die Suche nach der Grundidee des speziellen Gartens, nach den Wertvorstellungen, die er wie ein Schaufenster nach außen trägt. Durch die Entstehung des Gartens der Klinik Holthausen aus dem Hause heraus, im Wechselspiel mit den unterschiedlichsten Menschen stellte sich geradezu automatisch der Begriff der Toleranz und das Anerkennen von Individualität und Vielfalt in den Vordergrund. Und so wie dieses ein vernünftiges zielgerichtetes Arbeiten miteinander überhaupt erst möglich macht, so bietet es sich auch als ein Motiv für die Gestaltung an. Das Pflanzenreich ist in seiner Vielfalt derartig eindrucksvoll, daß es ein Anliegen des Gartens Holthausen ist, viele Pflanzenarten in ihrer Einzigartigkeit darzustellen.
Die Pflanzen im Garten sollen mit ihrer Eigenheit und Unterschiedlichkeit den Geist des Hauses spiegeln. Im Garten Holthausen ist jeder Baum, jeder Strauch, jedes noch so kleine Gewächs ein unverwechselbares Individuum.
Und so freuen sich die Gärtner besonders darüber, daß über die Jahre immer wieder das ein oder andere Pflänzchen, als Geschenk von Mitarbeitern und auch Patienten seinen Weg in den Garten fand. Dieses läßt ihn auch über die kommenden Jahre auf eine sehr persönliche Weise weiterwachsen.
Andreas Niepel / Hattingen /99

 12,20 EUR* / aktualisiert: 01.06.2010

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