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Leitsystem Straßenquerung

 

Unbehinderte Mobilität: einheitliche Gestaltung in Gefahr

Coesfeld, Januar 2010. Beim Planen und Bauen von barrierefreien Verkehrsflächen driften die Bundesländer gegenwärtig erheblich auseinander.

Leitsystem Easycross
Leitsystem Easycross:Regelausführung mit zwei Rollborden

Das Ziel, die Verkehrssicherheit sowie die Selbstständigkeit und Mobilität aller nicht motorisierten Verkehrsteilnehmern im Straßen- und Verkehrsraum zu erhöhen, wird mit der Veröffentlichung eines neuen Leitfadens in Nordrhein-Westfalen in Frage gestellt. Dabei wird eigentlich eine bundesweite Standardisierung bzw. Vereinheitlichung der Systeme nach Best-Practice-Standard angestrebt.

Zuvor hatte die Hessische Straßen- und Verkehrsverwaltung (HSVV) in einer Pionierleistung den Prozess zur Schaffung einer modernen und sicheren Verkehrsplanung in Gang gesetzt, dies mit ganzheitlichem Ansatz und nachhaltigen Akzenten bezogen auf den demografischen Wandel. Das Ergebnis der Feldversuche ist ein barrierefreies Leitsystem, das heute die Produktbezeichnung Easycross trägt. Die Kernfunktion: Das Leitsystem ermöglicht allen behinderten wie auch nicht behinderten Verkehrsteilnehmer die Straßenquerung an einer dafür ausgewiesenen Stelle.

Erkenntnisse

Getrennte Übergangsstellen, wie in dem NRW-Leitfaden vorgesehen, standen während der Easycross-Entwicklung ebenfalls zur Diskussion. Dabei wurde die sogenannte Doppelquerung geprüft, allerdings aufgrund funktionaler Mängel nicht weiterentwickelt. Die Hauptgründe: Der Verkehrsfluss auf Gehwegen sowie insbesondere im Furtbereich wird während der Fahrbahnquerung behindert. Die Abläufe speziell in Kreuzungsbereichen verlangsamen mit Folgen für die Verkehrssicherheit.

Ferner ist die Ausführung von zwei Übergangstellen an einem Ort nur möglich bei großzügigen Platzverhältnissen, die sind indes vielfach nicht vorhanden. Bei abgewandelten Bauweisen in beengten Bereichen kann die für Orientierungstrainings und die Nutzung geforderte Wiedererkennbarkeit des Systems nicht gewährleistet werden. Ungeachtet dieser Erkenntnisse wird die Doppelquerung in NRW zur Ausführung empfohlen.

doppel-kombiquerung
Die Kombiquerung Easycross (links) und die Doppelquerung mit getrennten Übergangsstellen

Unsachgemäße Kritik

Das Leitsystem Easycross wird zudem durch Fehlinterpretationen herabqualifiziert. Im Zentrum der Kritik steht der berollbare Bordstein am Übergang zur Straße für ein stoßfreies Überfahren mit dem Rollstuhl oder Rollator. Das Fehlen der Bordsteinkante und das Oberflächenprofil des sogenannten Rollbords werden als Gefahr für blinde Menschen problematisiert.

Fakt ist, dass Bordsteinkanten an Querungsstellen in der Regel auf zirka 3 cm abgesenkt werden sollen ‒ eine Kompromisslösung für Menschen mit sensorischen Schwächen. Vielen Rollstuhl- und Rollator-Nutzern bereitet bereits diese Höhe Probleme, da das Gestell angehoben werden muss. Die Kante stellt jedenfalls für Menschen mit Handicap ein mehr oder weniger großes Hindernis dar, sodass heute vielerorts Bordsteine auf null abgesenkt werden.

Der Rollbord in dem System Easycross verfügt über eine gesicherte Nullabsenkung. Er ist mit ca. 3 cm Höhendifferenz im eingebauten Zustand bequem befahrbar und außerdem mit einer taktil erfassbaren, profilierten Oberfläche ausgestattet, die mit dem "schleifenden" Blindenstock deutlich wahrgenommen wird. Zudem bemerkt der Stockgänger beim Begehen den Höhenunterschied. Eine Schulung in Orientierung und Mobilität mit dem Hilfsmittel Langstock schließt ein unbeabsichtigtes Überlaufen aus. So erhalten die Nutzer klare Informationen, dass sie sich unmittelbar am Fahrbahnrand befinden.

Entgegen den Behauptungen gibt die Oberflächenstruktur des Rollbords keine Laufrichtung vor, eine Leitfunktion ist schon wegen der geringen Länge von 16 cm ausgeschlossen. Dies bestätigen die Erhebungen mit sehbehinderten Verkehrsteilnehmern. Eine richtunggebende Funktion wird ausschließlich von den Rippenplatten innerhalb des Aufmerksamkeitsfeldes geleistet, das zu dem System gehört und dem Rollbord vorgelagert ist.

Zukunftsfähig

Die Vielzahl der am Markt angebotenen Lösungen trägt nicht bei zu der angestrebten Verkehrssicherheit und unbehinderten Mobilität. Stattdessen zeigen sich die Nutzer sowie Entscheider und Planer der Städte und Gemeinden verunsichert. Die Systementwicklung Easycross stellt im Rahmen einer Angebotsplanung eine Option für die Zukunft dar. Wesentlich ist, nicht die Integration einer außenstehenden Gruppe als Ansatz zu betrachten, wie bei der Planung und Konzipierung von barrierefreien Querungsanlagen noch impliziert, sondern von vornherein die integrierte Gesamtheit der gesellschaftlichen Struktur im Sinne einer unbehinderten Mobilität für alle. Weitere Informationen im Internet unter www.easycross.de.

Funktionsweise

Leitsystem

Das Leitsystem besteht im Wesentlichen aus zwei Komponenten, die jeweils mit Bodenindikatoren ausgerüstet sind: dem Aufmerksamkeitsfeld (1) und dem Rollbord (2).

Blinde Menschen orientieren sich zumeist über den "schleifenden" Stock mit einer Rollspitze am Bodenbelag sowie an der inneren Leitlinie, zum Beispiel Hauswände oder Rasenkantsteine. In Höhe der Querungsstelle trifft der Nutzer zunächst auf das Aufmerksamkeitsfeld in der Breite des Gehwegs. Es besteht aus einer Reihe Rippenplatten, die zweiseitig von Noppenplatten eingefasst wird. Mit insgesamt 90 cm Tiefe ist gesichert, dass dieses Feld wahrgenommen werden muss. Während die Noppenplatten richtungsneutral die Querungsstelle signalisieren, übernehmen die mittig angeordneten Platten die Leitfunktion, indem sie die Laufrichtung zur Querungsstelle und weiter über die Fahrbahn aufzeigen.

Zum optimalen Auffinden der Querungsstelle ist unmittelbar vor dem Rollbord eine Reihe Rippenplatten angeordnet. Diese letzte Reihe im Aufmerksamkeitsfeld sorgt gemeinsam mit der Textur auf dem Rollbord dafür, dass der Blinde sicher und frühzeitig auf den Übergang zur Fahrbahn aufmerksam wird. Ab dieser Stelle verlassen sich blinde Verkehrsteilnehmer für gewöhnlich auf ihr Gehör oder sie finden die Lichtzeichenanlage.

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