Andrea Pfanner aus Kusterdingen bei Tübingen strahlt. Nach
einer mehrjährigen Odyssee hat die an einen Rollstuhl gefesselte, seit ihrem
dritten Lebensjahr unter chronischer Poliathritis erkrankte Kunsterdingerin (29)
ihren Führerschein bekommen, nein, bestanden.
Die sich im Tübinger Verein "Club für Behinderte und ihre Freunde
Tübingen und Umgebung e.V." stark engagierende und derzeit beim Verein
"Büro-aktiv" arbeitende, ungeheuren Lebensmut ausstrahlende
diplomierte Sozialpädagogin, die sich auch gegen unsozial operierende
Institutionen und Firmen im Behindertenwesen sträubt, ist glücklich, es
endlich geschafft zu haben.
In Kürze will sie sich ein eigenes Fahrzeug zulegen. Weil sie rund 12
Kilometer außerhalb Tübingens bei ihren Eltern lebt, nach Abitur und Studium
beruflich viel unterwegs sein muss, stellte sie beim Landeswohlfahrtsverband und
der Agentur für Arbeit (früher Arbeitsamt) Antrag auf Kostenzuschuss für
einen Behinderten- Führerschein, nachdem ihr ärztlich attestiert wurde, sie
könne einen machen. In der Absicht, nach bestandener Prüfung ein eigenes Auto
anzuschaffen.
Die semistaatlichen Institutionen meinten, dass ein Führerschein und ein
Fahrzeug erst bei Vorliegen eines unbefristeten Beschäftigungsverhältnisses
bezuschusst werden kann. Da dies nicht gegeben war, wurde der Antrag abgelehnt.
Dafür stellte man ihr einen Fahrdienst zur Verfügung. Bei einer angenommenen
Tagesgebühr von nur 30 Euro für den Fahrdienst, hätten "die
Steuerzahler" rund 7.000 bis 10.000 Euro pro Jahr aufwenden müssen. Dafür
hätte Andrea nicht nur einen Führerschein, sondern auch binnen zwei Jahren
noch ein Auto bekommen, in dem sie ihren Elektrorollstuhl hätte verstauen
können. Bis zu ihrer Pensionierung wären so für Fahrdienstkosten über
500.000 Euro zusammen gekommen... wohl wegen einfacher Verworrenheit und
Paragraphenreiterei regionaler Staatsdiener.
Über den Vorsitzenden des Landesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter
e.V., den Mössinger Willi Rudolf, kam sie zur Fahrschule Fischer in
Pfronstetten auf der Alb. Diese wiederum fährt ein Behinderten-Fahrschulauto
des Umrüsters Paravan aus Aichelau.
 "Der Fahrlehrer Fischer war sehr einfühlsam und bemüht, er hat sich
auf meine Behinderung eingestellt. Wenn's eng wurde, sind wir nach Aichelau zu
Paravan gefahren und haben den Fahrschulwagen so eingestellt, dass ich besser
zur Seite und nach hinten sehen konnte, ohne meine Nacken zu belasten",
freut sich die alerte Sozialpädagogin. Und besonders auch darüber, dass selbst
Paravan-Chef Roland Arnold aus seinem Betrieb kam, um ihr zu gratulieren.
Die Kosten übernahm, wie sie berichtet, anteilig der Kommunalverband für
Jugend und Soziales.
Vom Auto selbst hat sie kaum Ahnung. Drum weiß sie auch nicht, was sie sich
anschaffen will. Erst muss einmal der noch warme Führerschein gefeiert werden.  Space Drive
Nebenbei erfuhr sie, dass sie zur Fahrschule ein Mobil gefahren hat, das als
sicherstes Behinderten-Fahrschule-Auto der Welt gilt und in seiner Art
einzigartig ist. Das liegt unter anderem an einer neuen Bedienung und Steuerung,
die aus dem Flugzeugbau kommt. Und an einer Fahrschuleinrichtung, die mit diesem
System, SpaceDrive genannt, arbeitet. Dabei braucht der Fahrlehrer nicht mehr,
wie üblich, mit Pedalen einzugreifen, wenn seinem Fahrschüler ein Fehler
unterläuft. Er ist synchron mit dem Fahrschüler verbunden, arbeitet mit einem
Laptop auf seinem Schoß und kann jederzeit elektronisch eingreifen, wenn Gefahr
droht oder - wie bei Behinderten denkbar- ein Schwächeanfall droht. Drum
müssen sich diese Menschen, wie auch Andrea Pfanner, vor Beginn einer
Fahrschulung einem Kräfte-, Bewegungs- und Konzentrationstest unterziehen. Auch
braucht der Fahrlehrer sich nicht immer zu seinem Fahrschüler zu bücken, um
die Geschwindigkeit abzulesen. Beim Fischer-Fahrschulwagen wird die
Geschwindigkeitsanzeige "überkopf/overhead" an die Frontscheibe
projiziert.
Redaktionsbüro Rolfes "Handicap-Mobility"
(Beitrag gekürzt) |