barrierefrei - bauen für die zukunft
ob im Neubau oder im Bestand – Konzeptionen im Sinne eines "Universal Design" oder "Design for all" ermöglichen in allen Lebensbereichen eine flexible, nachhaltige und integrative Nutzung.
 Das Buch zeigt anhand von konkreten Planungsgrundlagen, tabellarischen Checklisten, praktischen Beispielen und Anwendungen, wie Barrieren in vielen Bereichen unserer Umwelt abgebrochen oder im Voraus vermieden werden können. Die Autoren gehen davon aus, dass aufgrund der demographischen Veränderungen in unserer Gesellschaft Barrierefreiheit zu einer existenziellen Aufgabe geworden ist. Es geht um "Bauen für alle" an Stelle spezieller, separierender Lösungen für Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten. Detailliert werden visuelle, taktile, auditive und ergonomische Grundlagen und deren mögliche architektonische Umsetzung vorgestellt. Anhand von gestalterisch gelungenen Beispielen wird exemplarisch gezeigt, wie Komfort und Nutzbarkeit deutlich erhöht werden kann.
Behandelt werden u. a. Themen wie Wohnen mit Zukunft, öffentliche Gebäude wie Sportbauten Freizeitanlagen und Versammlungsstätten, Hotel, Gastronomie und Verkaufsstätten, sowie spezifische Außen- und Innenbereiche. Der abschließende Teil der Publikation verweist auf die Gesetzesgrundlagen von Bund und Ländern, seinen Normen, Richtlinien und den Fördermöglichkeiten.
Autoren: Dipl-Ing Ulrike Rau (Hrsg), Dipl-Ing Eckard Feddersen / Dipl-Ing Insa Lüdtke,
Dipl-Ing Ursula Reinold, Dipl-Ing Harms Wulf
Aus dem Inhalt
Mensch und Mobilität
2-Sinne-Prinzip, Orientierung, Visuelle Gestaltung, Taktile Gestaltung,
Auditive Gestaltung, Anthropometrie
Grundlagen
Eingang, Türen, Treppen, Rampen, Aufzüge, Fenster, WC-Anlagen, Bäder,
Küchen, Parkplätze
Öffentliche Bereiche
Öffentlich zugänglich, Mobiliar - Einrichtungen, Versammlungsstätten,
Hotel, Gastronomie, Verkauf, Sport- und Freizeitanlagen
Wohnen
Wohnen heißt wählen, Wohnung, Wohnen Service Pflege, Pflegewohnen,
Gebaute Beispiele, Außenanlagen
Gesetze - Förderungen
Bundes- und Landesgesetze, DIN-Normen, Förderungen
Leseprobe
farbebekennen
Zwei-Sinne-Prinzip und Kontraste erhöhen die Mobilität
Jede Aktivität und Mobilität im Raum setzt voraus, dass Reize in Kombination mit verschiedenen Sinnen wahrgenommen, unterschieden und über Assoziations- und Interpretationsvorgänge verwertet werden. Insbesondere bei mittleren und hochgradigen Seh- und Höreinschränkungen sind durch mangelnde Orientierung und/oder Kommunikationsprobleme erhebliche Mobilitätsverluste zu verzeichnen.
Zur Wahrnehmung unserer Umwelt sind die beiden Fernsinne Sehen und Hören von Bedeutung. Der Anteil an aufgenommener Information liegt beim Sehen bei ca. 85 % und beim Hören bei ca. 10 %. Dieser Verteilung entsprechend ist beim Barrierefreien Bauen auf die optische Informationsvermittlung zu achten. Es folgen an Umgebungsgeräusche angepasste akustische Informationen und danach taktile Informationen, die bei hochgradigen Seheinschränkungen ein Ersatz für visuelle Informationen sind.
 Nach S. Aitken und M. Buultjens: Vision of Doing  Tastplan und kontrastreiche Beschriftung, Blindenschule Chemnitz, Meng Informationstechnik GmbH
Alternative Wahrnehmung
Sind Sinne trotz Hilfen (z.B. Brille oder Hörgerät) in ihrer Leistungsfähigkeit stark eingeschränkt oder fehlen sie gänzlich, versuchen die Betroffenen den eingeschränkten Sinn so gut wie möglich zu nutzen und über die anderen Sinne den Reizverlust zu kompensieren.
Alternative Wahrnehmungen bei hochgradigen Einschränkungen werden nach dem Zwei-Sinne-Prinzip (auch Zwei-Kanal-Prinzip genannt) werden ermöglicht, wenn Informationen gleichzeitig für zwei der drei Sinne – Sehen, Hören, Tasten – zugänglich sind.
- statt sehen – hören und tasten/fühlen
- statt hören – sehen und fühlen/tasten.
Bei Aufzugsausstattungen werden beispielsweise Etagen akustisch mittels Sprachansage und optisch im Display angezeigt. Die erhabene Gestaltung der optischen Zeichen und eine zusätzliche Beschriftung in Braille (Punktschrift) auf den Bedientasten bieten bei Sehbehinderungen Unterstützung.
Bei Gehörlosen können Informationen zusätzlich optisch oder über Vibrationen angezeigt werden. Beispielsweise kann im Brandfalle eine Sirene mit einer Signallampe ergänzt werden. Ein Vibrationskissen warnt bzw. weckt in Wohnungen oder Hotels.
 Zwei-Sinne-Prinzip, Prioritätsstufen nach C. Ruhe  Kontraste erleichtern die Wahrnehmung, Dallenbach, American Journal of Psychologie (1951)
Prioritätsstufen
Auf konkrete Anwendungen bezogen ist zu klassifizieren, wie wichtig der fehlende Sinneseindruck ist. Nach C. Ruhe empfehlen sich drei Prioritätsstufen:
Priorität 1
Fehlende Warnungen und Alarmsignale sind lebensgefährlich. Das Zwei-Sinne-Prinzip muss immer, unbedingt und sehr gut funktionieren.
Priorität 2
Einseitige Informationsangebote, die zu Entscheidungen führen oder ohne Rückfragemöglichkeiten sind (Vortrag/Durchsagen), haben eine mittlere Priorität und sind nach dem Zwei-Sinne-Prinzip anzubieten.
Priorität 3
Informationen, die unterstützend angeboten werden oder bei denen Rückfragen möglich sind, haben die niedrigste Priorität und sind möglichst oft nach dem Zwei-Sinne-Prinzip anzubieten.
Kontraste und Leuchtdichte
Werden Beleuchtung, Material und Farbkonzepte gezielt auf eine kontrastreiche Planung (Helligkeit/Farbe) abgestimmt, kann Mobilität und Sicherheit für eine Vielzahl von Sehbehinderten deutlich verbessert werden. Nicht Speziallösungen mit maximaler Kontrastwirkung, sondern verbesserter Sehkomfort für Alle, kann durch die Berücksichtigung bei der architektonischen Konzeption erreicht werden.
Entscheidend für visuelle Informationen ist der wahrgenommene Helligkeitseindruck (die Leuchtdichte) einer angeleuchteten oder einer selbst leuchtenden Fläche. Die Leuchtdichte L hängt nicht allein von der Beleuchtungsstärke und dem Einstrahlwinkel des Lichtes ab, sondern auch vom Reflexionsgrad des Materials bzw. der Oberfläche ab und wird in Candela/m² (cd/qm) bemessen. Auf eingeschränkte Sehfähigkeit optimierte Beleuchtung bietet neben einem gleichmäßigen Beleuchtungsniveau eine mittlere Leuchtdichte zwischen 100 cd/qm – 500 cd/qm (optimal 250 cd/qm – 300 cd/qm).
 Leuchtdichte bei gleicher Beleuchtungsstärke  Kontraste erleichtern die Wahrnehmung, Dallenbach, American Journal of Psychologie (1951)
Der vollständige Buchauszug "Zwei-Sinne-Prinzip" steht hier zum Downloaden bereit.
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