Wohnberatung bei demenziell erkrankten Menschen Löschen bevor es brennt ?
Mit Blick auf den demographischen Wandel ist die Sicherstellung einer
möglichst selbstständigen Lebens- und Haushaltsführung älterer,
pflegebedürftiger oder behinderter Menschen eine der zentralen gesundheits- und
sozialpolitischen Herausforderungen unserer Gegenwart.
Demenz
Einer Demenz können unterschiedliche Ursachen zugrunde liegen, wie z. B. die
Alzheimer Krankheit, vaskuläre Erkrankungen, Huntington, Schädel-Hirn-Trauma,
Hirntumore, Sauerstoff- oder Vitaminmangel, Infektionen, Krankheiten des
Immunsystems, der Leber oder des Stoffwechsels etc.. Demenziell erkrankte
Menschen sind in ihrer Alltagskompetenz weitgehend eingeschränkt. Aufgrund
dieser Einschränkungen, der Vielzahl der mit der Demenz verbundenen
Orientierungsprobleme und des dadurch kleineren Aktionsradius sind demenziell
erkrankte Menschen stärker auf befriedigende Wohnbedingungen angewiesen, als
andere Menschen. Dennoch lebt der überwiegende Teil der demenziell erkrankten
Menschen nicht in Institutionen oder Sonderwohnformen, sondern in
Normalwohnungen, in denen Angehörige Betreuungs- und Pflegeaufgaben
übernehmen, ohne die eine angemessene Versorgung nicht möglich wäre. Fast
zwei Drittel aller demenziell erkrankten Menschen werden ausschließlich von
ihren Angehörigen gepflegt. Nur 25 % der pflegenden Angehörigen von demenziell
erkrankten Menschen nimmt Beratungsangebote in Anspruch, ebenfalls 25 % greift
auf die Unterstützung durch ambulante Dienste zurück (Vierter Altenbericht,
2002). Die überwiegende Mehrzahl der Pflegegeldempfänger hat nur zwei
Berührungspunkte zum formellen Pflegesystem, zum einen bei der Begutachtung und
zum anderen bei den Qualitätssicherungspflegen nach § 37 (3) SGB XI.
Wohnprobleme beeinflussen Selbstständigkeit
Die eigene Wohnung, dient als Gedächtnisstütze und als Orientierungspunkt
für identitätsstiftende Handlungen. Ein Ortswechsel bedeutet den Entzug von
Vertrautheit. Es kann quasi mit dem Verlust eines Teils der Persönlichkeit
gleichgesetzt werden (Galliker & Klein, 1998). Einschränkungen im Bereich
des selbstständigen Wohnens sind häufig das Ergebnis einer mangelhaften
Passung zwischen der Gestaltung der unmittelbaren Lebensumwelt und den
Ressourcen der in dieser Umwelt lebenden Menschen. Den Erkenntnissen der
ökologischen Gerontologie (z. B. Wahl, 2000) zu Folge, ist der Grad der
Kompetenz eines Menschen immer auch von der ihn umgebenden konkreten Umwelt
abhängig, wobei der Umwelteinfluss mit zunehmendem Beeinträchtigungsgrad immer
wichtiger wird. Diesem Aspekt kommt in bezug auf demenziell erkrankte Menschen
eine besondere Bedeutung zu. Demenz bedeutet Orientierungslosigkeit. Die
langjährig vertraute Wohnung, die mit den eigenen biographischen
Erinnerungsgegenständen ausgestattet ist, ist eine wichtige Orientierungshilfe
bei zunehmender Orientierungslosigkeit.
Charakteristische Wohnprobleme demenziell erkrankter Menschen
Sicherheitsprobleme durch Selbst- oder Fremdgefährdung sind von besonderer
Bedeutung. Es besteht die Gefahr, dass Reinigungsmittel, Medikamente und
Giftpflanzen mit Lebensmitteln verwechselt und verspeist werden. Verbrühungen
und Verbrennungen können durch das herabgesetzte Temperaturempfinden entstehen.
Insbesondere Dritte befürchten aufgrund des Krankheitsbildes Überschwemmungen
oder Wohnungsbrände durch nicht abgedrehte Wasserhähne und nicht abgeschaltete
Elektrogeräte. Hindernisse wie Schwellen und Stufen, Glastüren und Fenster
stellen weitere Gefahrenquellen dar, da sie häufig nicht mehr wahrgenommen
werden. Dagegen werden spiegelnde, dunkle oder gemusterte Bodenbeläge oft als
Hindernisse oder Löcher wahrgenommen, die Angst erzeugen. Gemusterte Tapeten
oder Stoffe können ebenfalls Angst auslösen. Die Nutzung von vertrauten
Ausstattungsmerkmalen der Wohnung bereitet zunehmend Probleme, da die
Ausführung von mechanischen Vorgängen, wie z. B. die Betätigung der
WC-Spülung verlernt wird. Zu niedrige oder zu instabile Möbel können zu
Stürzen führen, wenn bewegungseingeschränkte Personen sich an ihnen
festhalten oder abstützen. Die Orientierungsstörungen, die sich im
Krankheitsverlauf verstärken, führen dazu, dass sich demenziell erkrankte
Menschen auch in ihrem gewohnten Umfeld nicht mehr zurechtfinden. Hell
gestaltete Eingangsbereiche animieren zum Verlassen der Wohnung und verstärken
vorhandene Weglauftendenzen. Verschlossene Türen, unzureichende Beleuchtung und
mangelnde Kontraste verschlechtern die Orientierung und können
Fehlwahrnehmungen zur Folge haben.
Wohnberatung
Die Passung zwischen den persönlichen Ressourcen und den Umweltbedingungen
durch Wohnungsanpassung zu verbessern bzw. wiederherzustellen (Niepel, 1995) ist
der zentrale Ansatzpunkt der Wohnberatung. Konkrete Wohnprobleme können durch
Hilfsmitteleinsatz, Ausstattungsveränderungen, bauliche Maßnahmen,
Reorganisation der Wohnbereiche, Umzug oder Wohnungstausch behoben werden (Niepel
1998). Um eine möglichst optimale Lösung zu finden, müssen sowohl die
Wünsche, Bedürfnisse, Ressourcen und Einschränkungen der Person als auch die
konkreten baulichen, ausstattungsbedingten und sonstigen Umweltbedingungen
berücksichtigt werden. Im Rahmen der Beratung sind die Biographie und die
persönlichen Eigenarten des demenziell erkrankten Menschen einzubeziehen. Die
Selbstständigkeit, das Selbstwertgefühl und die Kompetenz sollen durch die
Anpassungsmaßnahmen unterstützt werden. Grundsätzlich gilt es so wenig
Veränderungen wie möglich vorzunehmen und freiheitsbegrenzende Maßnahmen
weitmöglichst zu vermeiden.
Generell sollten Anpassungsmaßnahmen bei demenziell erkrankten Menschen
behutsam und so unauffällig wie möglich vorgenommen werden. So kann z. B. im
fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung das eigene Spiegelbild Angst auslösen.
Dann ist es sinnvoll den Spiegel zu entfernen oder mit einem Tuch zu bedecken.
Insbesondere im Bereich des Badezimmers kann sich sowohl der Einsatz von
"alter Technik" als auch von "neuer Technik" als
richtig erweisen. Manche Menschen kommen im fortgeschrittenen Stadium der
Demenzerkrankung mit "historischen" Badewannen, Toilettenspülungen
(deutlich sichtbare Druckspülung, Eimer mit Wasser neben der Toilette,
Zugkordeln...) und Armaturen mit griffigen Kreuzgriffen bestens zurecht.
Gegenstände, die der Orientierung dienen, sollten an den vertrauten Stellen
belassen werden. In allen Wohnbereichen sollten Stolper- und Gefahrenquellen
entfernt und Orientierungsmöglichkeiten geschaffen werden. Die Beleuchtung
sollte verbessert werden, das Licht darf weder blenden noch Schatten werfen. Die
Lichtstärke sollte 500 Lux betragen. Bei der Farbgestaltung ist darauf zu
achten, dass helle, ruhige, nicht spiegelnde Oberflächen vorhanden sind und
rutschhemmende, reflexionsfreie, unifarbene Bodenbeläge verwendet werden.
Unterschiedliche Farben in unterschiedlichen Räumen können die Orientierung
verbessern. Die Einrichtung von Beschäftigungsecken sowie das Kennzeichnen der
Kleidung mit Name und Adresse bzw. das Mitführen eines Adressenzettels auf dem
die eigene Anschrift und Ansprechpartner verzeichnet sind, hat sich bewährt. Im
Einzelfall kann auch der Einsatz technischer Hilfen wie z. B. Bewegungsmelder,
Rauchmelder, Füllstandsmelder für Badewannen, Hausnotrufsysteme, Sturzmelder,
Zeitschaltuhren für Elektrogeräte, automatische Tablettentimer,
Personenortungs- oder Raumüberwachungssystemen die Sicherheit in der eigenen
Wohnung erhöhen. Nachfolgend sind einige Veränderungsvorschläge beispielhaft
aufgeführt.
Der Eingang
Sicherung
der Eingangstür durch Tarnen von innen durch Vorhänge, Farbe oder Rollos
- Anbringen von Türklangspielen oder Türglocken
- Bewegungsmatten mit Signalgeber, die die Pflegenden informieren sobald die
Wohnung verlassen wird
- Einbau von Sicherheitsschlössern, die auch von außen geöffnet werden
können
- Markierung des Haustürschlüssel zur Verbesserung der Orientierung
- Flurlichtintervall so einstellen, dass die Wohnung auch bei nachlassender
körperlicher Leistungsfähigkeit im Hellen erreicht werden kann
- Anbringen von Handläufen
Der Wohnungsflur
- Nachtlichter, Bewegungsmelder und die beleuchtete Wegführung vom
Schlafzimmer zur Toilette können sinnvolle Anpassungsmaßnahmen sein.
- Flure mit großer Bewegungsfreiheit als Wanderpfade nutzen
Dunklen Ecken und Sackgassen beleuchten oder durch Schaffung von Beschäftigungsecken
auflösen
- Kennzeichnung von Türen mit Symbolen oder Farben
- Aushängen von nicht genutzten Türen
- Die Sicherheit kann durch das Anbringen von Handläufen oder von
Treppengittern erhöht werden
- Vorhandene Gegensprechanlagen sollten möglichst einfach zu bedienen sein
Das Bad
- Zur Verhinderung einer Überschwemmung können die Absperrventile so
eingestellt werden, dass der Überlaufschutz im Waschbecken und in der Badewanne
das Wasser abfließen lässt.
- Es kann sinnvoll sein, Toiletten mit automatischer Spülung,
Einhebelmischbatterien, Thermostatarmaturen, Wasserflussregler oder Armaturen
mit Bewegungsmelder einzusetzen oder auf alt Vertrautes zurückzugreifen
(Druckspüler, Zugkordel, Wassereimer neben der Toilette, Armaturen mit
Kreuzgriffen, Zinkbadewannen...)
Aqua-Stopp-Systeme,
Füllstandmelder für die Badewanne und Nässesensoren können dazu beitragen
Überschwemmungen zu verhindern
- Geeignete Haltegriffe an den benötigten Stellen anbringen
- Erhöhte Toiletten bzw. Toilettensitzerhöhungen verwenden
- Badewannenlifter, -bretter und -sitze sowie Duschstühle einsetzen
- Wenn die Badewanne auch mit Badewannenlifter nicht mehr genutzt werden kann,
bietet sich der Einbau einer flachen Duschtasse an.
- Gegenstände, die dem demenziell erkrankten Menschen gehören, sollten gut
erkennbar sein (Lieblingsfarbe, Markierung....)
- Medikamente, Hygieneartikel und Putzmittel sollten falls erforderlich
verschlossen aufbewahrt werden.
- Die Badezimmertür sollte nach außen aufgehen und das Schloss von außen zu
öffnen sein, damit im Bedarfsfall Hilfe geleistet werden kann.
Die Küche
- Herd mit Abschaltautomatik oder Hitzewache
- Einsatz von kabellosen Wasserkochern, Mikrowellen, Bügeleisen mit
Abschaltautomatik
- Evtl. zweiten Kühlschrank bei fehlenden Sättigungsgefühl anschaffen oder
den Kühlschrank mit einem Schloss versehen
- Küchenausstattung auf das Nötigste reduzieren
- Gebrauchsgegenstände gut zugänglich und erreichbar positionieren
- Schubladen und Schränke, die gefährliche Geräte, Gegenstände und
Substanzen enthalten, abschließen oder mit einer Kindersicherung sichern
- Die Küche sollte einen festen Sitz-, Ess- und Arbeitsplatz haben
- Die Höhe und die Anordnung der Küchenmöbel sollte individuell angepasst
werden
- Die Orientierung kann durch das Aushängen der Türen der Küchenschränke
oder durch Türen mit Glasfronten verbessert werden.
- Zur Verbesserung der zeitlichen Orientierung sollten gut lesbare Uhren mit
großen arabischen Zahlen und Abreißkalender verwendet werden.
Das Schlafzimmer
- Beleuchtung vom Bett aus schaltbar
- Ggf. Nachtlichter oder Bewegungsmelder installieren
Anpassung
des Bettes durch Betterhöhungen oder höhenverstellbare Einlegerahmen
- Bettgalgen und Bettgitter oder eine Matratze vor dem Bett können ebenfalls
dazu beitragen, die Selbstständigkeit bzw. die Sicherheit zu erhöhen.
- Nutzung eines Toilettenstuhles oder eines Nachttopfes
- Um einen möglichst störungsfreien Schlaf des Ehepartners zu ermöglichen,
kann es sinnvoll sein, getrennte Schlafzimmer einzurichten.
- Bei Bedarf können auch im Schlafzimmer Kontrollsysteme wie z.B.
Babyphonanlagen, Kontaktmatten oder Türsicherungen oder eine hausinterne
Telefonanlage installiert werden.
- Bei Rauchern empfiehlt sich die Verwendung von schwer entflammbarer
Bettwäsche.
Das Wohnzimmer
- Fernseher und Radios können im fortgeschrittenen Krankheitsstadium Angst
oder Aggressionen auslösen und sollten dann entfernt werden
- Wenn ein vertrautes technisches Gerät kaputt geht, kann es sinnvoll sein es
reparieren zu lassen oder ein möglichst ähnliches anzuschaffen
- Andererseits kann es aber auch besser sein Spezialgeräte wie z.B. Telefone
mit Nummernspeicher, Großtasten- oder Fototastentelefone,
Großtastenfernbedienungen etc. anzuschaffen
- Bei der Möblierung ist auf Überschaubarkeit und Vertrautheit zu achten.
- Falls erforderlich können Fenster und Türen z.B. durch abschließbare
Fensteroliven gesichert werden
Garten bzw. den Balkon
- Im Garten als auch auf dem Balkon können Sitzgelegenheiten,
Beschäftigungsecken, Hochbeete etc. eingerichtet werden.
- Im Garten können ebenerdige Wanderpfade angelegt werden,
- Höhenunterschiede im Geländer sollten deutlich gekennzeichnet werden.
- Giftige Pflanzen entfernen
- Bei Bedarf sollten Weglaufsperren, Haltegriffe oder Geländer angebracht und
die Brüstungshöhe des Balkons erhöht werden, um die Sicherheit zu erhöhen.
Wirkung von Anpassungsmaßnahmen
Bei allen genannten Anpassungsmaßnahmen ist zu beachten, dass die erzielte
Wirkung individuell sehr unterschiedlich ausfallen kann. So kann ein
barrierefreier Badumbau zwar dazu führen, dass die Pflege deutlich erleichtert
wird, andererseits kann es passieren, dass der demenziell erkrankte Mensch nach
der Toilette an der vertrauten Stelle sucht oder sich aus Angst nicht auf das
ungewohnte Hänge-WC setzt. Die Tarnung der Eingangstür kann die
Weglauftendenzen verringern, aber auch zu Panikattacken führen, da kein Ausgang
mehr zu finden ist. In unterschiedlichen Studien (z. B. Gitlin, 1998; Calkins
& Namzi 1991) hat sich gezeigt, dass folgende Wohnungsanpassungsmaßnahmen
bei demenziell erkrankten Menschen besonders erfolgreich waren: der Einsatz von
Hilfsmitteln, die Anpassung von Möbeln oder Geräten, die Reduzierung der
Einrichtungsgegenstände, die Beseitigung von potenziell gefährlichen
Gegenständen und die Verbesserung der Beleuchtung. Weitere wissenschaftliche
Untersuchungen haben gezeigt, dass die Aufrechterhaltung von Kompetenzen im
Bereich der Alltagsaktivitäten in hohem Maße von den Wohnbedingungen abhängt
und dass die gezielte Anpassung der Wohnung positive Auswirkungen auf die
Selbstständigkeit hat (z.B. Niepel, 1995-1999; Olbrich & Diegritz, 1995).
Wohnungsanpassungsmaßnahmen tragen zur Verbesserung der Lebensqualität der
Ratsuchenden bei. Darüber hinaus lassen sich nach Niepel (1999) bei 78 % aller
durchgeführten Anpassungsmaßnahmen Auswirkungen auf die professionell und
informell Pflegenden feststellen, die zur Erleichterung der Pflege und zur
Verringerung des Pflegeaufwandes beitragen.
Kooperation Wohnberatung und Pflegedienste
Um die genannten Wirkungen zu erzielen, ist es erforderlich für die
Ratsuchenden einen niederschwelligen Zugang zur Wohnberatung sicherzustellen. Da
demenziell erkrankte Menschen und ihre Angehörigen bislang kaum
Berührungspunkte mit der sozialpflegerischen Infrastruktur haben und einer
Komm-Struktur wenig zugänglich sind, muss die Beratung und Begleitung auch
zugehend erfolgen. Bewährt hat sich dabei die enge Kooperation zwischen
Wohnberatungsstellen und Pflegediensten im Bereich der
Qualitätssicherungspflegen.
Zusammenfassung
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Wohnberatung für die
häusliche Betreuung demenziell erkrankter Menschen Chancen eröffnet und
Potenziale erschließt:
Durch Anpassung der Umweltfaktoren an die persönlichen Ressourcen trägt sie
dazu bei, dass die vertraute Lebensumgebung aufrechterhalten kann. Sie ergänzt
das Pflegewesen wirksam, im präventiven und rehabilitativen Bereich.
[Autor Iris Lehmann, Ökumenische Zentrale] |